Otto Anthes (1867 bis 1954)
Lübeck
Die Dämm´rung schleicht sich sachte
den weiten Markt entlang,
unter dem alten Rathaus
düstert der Bogengang.
Müde neigen die Gassen
zum Hafen ihre Bahn,
von unten streicht mit Flüstern
ein feuchter Wind hinan.
Wie trutzig gewachsene Felsen
steigen die Häuser empor,
wie in nächtige Höhlen
öffnet sich weit ein Tor.
Über die dunkle Diele
flimmert ein grüner Schein,
es ruhen verborgene Gärten
hinter dem grauen Gestein.
Der Fluß geht hoch in den Ufern
am Bollwerk gurgelt´s leis,
das schwedische Barkschiff geistert
herüber mit fahlem Weiß.
Uns abwärts steht im Schatten
ein hoher schwarzer Bug, -
Und wie ich steh und träume,
umfängt mich närrischer Trug.
Haushoch will sich mir heben
das massige Vorderdeck,
mit Galerien und Bauten
schaukelt darüber das Heck;
unter den schweren Körben
stehen die Masten gedrückt,
wie mit ehernem Gürtel
ist rings der Bord bestückt.
Das ist der stolze Mohrjan, der lübische Admiral,
der gegen die Dänen und Schweden
gelegen so manches Mal.
Das sind die alten Zeiten,
die trotzige Hansenmacht,
die wieder heraufgekommen
aus Sturm und Meer und Nacht.
Ich fahre herum, als hätte
wer hinter mir geschrien? -
Stumm paradieren die Türme
vom Dom bis Sankt Marien;
und recken ihre Häupter
sehnsüchtig in die Höh;
und schauen suchend ins Weite,
hinaus bis an die See:
Die alte Hansenherrlichkeit -
das will ihnen nicht in den Sinn -
sie ist davon geschwommen,
und niemand weiß, wohin.