Karl August Nicander (1799 bis 1839)
„Alles ist würdevoll und altmodisch.“
Der schwedische Schriftsteller reist in den Jahren 1827 - 1829 über Dänemark, Deutschland und die Schweiz nach Italien. Am Anfang seiner Reise steht ein Besuch in Lübeck und Travemünde.
Ich war also in der freien Hansestadt Lübeck, in einer kleinen Republik, die von Bürgermeistern und Räten regiert wird. Alles ist würdevoll und altmodisch. Man glaubt sich fast ins Mittelalter zurückversetzt. Die Straßen sind krumm; die Häuser hoch, aber gleichsam kreuz und quer verdreht, mal mit der Längsseite, mal mit den im Zickzack abgespitzten Giebeln nach außen zur Straße: vieles sehr alt.
Die Stadt wird von der Trave im Halbkreis umgeben. Der Fluß kommt aus Südwesten, umfaßt in krummer Linie die ganze westliche Seite der Stadt und biegt sich wieder ganz anders herum in nordöstlicher Richtung. Die östliche Seite wird von der Wakenitz umfaßt; südöstlich liegt der Krähen-Teich und im Süden der Mühlen-Teich, so daß die Stadt fast vollständig von Wasser umgeben ist, zwei oder drei Landschaften ausgenommen.
Die Leute scheinen ihre Bequemlichkeit zu schätzen: man raucht auf den Straßen und sitzt gerne vor den Häusern; aber der Fußgänger läuft oft Gefahr, von den unmäßig großen, klobigen vierspännigen Wagen überfahren zu werden, die die halbe Straße einnehmen und entsetzlichen Lärm verursachen.
In Lübeck gibt es viele vortreffliche Einrichtungen. Ich besichtigte eine Armenpflegeanstalt in der Kirche Im heiligen Geist. Ein jeder der aufgenommenen Armen – und deren Anzahl ist nicht gering – hat seine eigene kleine überbaute Kammer, mit Namen und Nummer. In der angrenzenden Kapelle wird Gottesdienst abgehalten; denn die ganze einstmals sehr bedeutende Kirche ist als Wohnraum den Armen überlassen und eingerichtet worden. Noch aber behält die Einrichtung den Namen Im heiligen Geist; denn sie ist in einem heiligen Geist aufgefaßt und ausgeführt...