Joseph Freiherr von Eichendorff (1788 bis 1857)
„Trunken von dem himmlischen Anblicke...“
Der bedeutende Dichter der deutschen Hochromantik reist im September 1805 mit seinem Bruder nach Lübeck und besucht bei diesem Anlaß das Seebad Travemünde.
Gegen 10 Uhr des Morgens traten wir auf einer Lehnkutsche den Spaziergang unserer Reise an, die Krone und der Gipfel unserer Reise. Ein anmutiger Weg führte uns bis an die Trave, wo wir auf einer Fähre, die an Tauen fortgezogen wird, übergesetzt wurden. Von hier aus bemerkten wir schon an allen Umgebungen, daß wir uns in der Nähe des Meeres befänden. Die Gegend senkt sich immer mehr abwärts, wird immer wilder und seltsamer. Kleine Wäldchen von niedrigem Nadel-holze, strecken sich an langen Sümpfen und Seen hin, und Schiffe, von bedeutender Größe segeln auf der Trave, die sich bei Travemünde ins Meer stürzt, auf und ab. Mit der gespanntesten Erwartung sahen wir dem Augenblicke entgegen, wo wir das Meer zu Gesicht bekommen würden.
Endlich, als wir den Gipfel der letzten Anhöhe von Travemünde erreicht hatten, lag plötzlich das ungeheure Ganze vor unseren Augen, und überraschte uns so fürchterlich, daß wir alle in unserem Innersten erschraken. Unermeßlich streckten sich die grausigen Fluten in unab-sehbare Fernen. In schwindlichter Weite verfloß die Riesen-Wasserfläche mit den Wolken, und Himmel und Wasser schienen ein unendliches Ganze zu bilden. Im Hintergrunde ruhten ungeheure Schiffe, wie an den Wolken aufgehangen. Trunken von dem himmlischen Anblicke erreichten wir endlich Travemünde, ein fast wie Karlsbad an der Küste erbautes niedliches Städtchen, welches wegen des dasigen Seebades von Fremden sehr häufig besucht wird. Gleich nach unserer Ankunft bestiegen wir im Hafen ein Boot...
Mit klopfenden Herzen verließen wir die enge Beschränkung des Hafens, und segelten in das Unermeßliche hinein. Vergebens suchte unser Auge im Hintergrunde ein Ende, eine Grenze; einzelne Schiffe nur, die von hier wie Nußschalen erschienen, schwebten in tiefer Ferne. Ein nie gefühlter Schauer überfiel uns bei diesem Anblicke, und wir sahen uns oft genötigt, unsere Augen von dem herrlichen Schauspiel abzuwenden. Wie zwei Arme strecken sich zu beiden Seiten felsige waldige Land-zungen ins Meer hinein...
Travemünde allein mit seinen Herrlichkeiten war der ganzen Reise wert, und ewig wird der Anblick des Meeres meiner Seele vorschweben!