Hans Christian Andersen (1805 bis 1875)

Der dänische Schriftsteller Hans Christian Andersen zählt zu den größten Märchendichtern. Zwischen 1831 und 1871 unternimmt er fast 30 Auslandsreisen, zahlreiche davon nach Deutschland. Im Sommer 1831 besucht er auch Lübeck.

Durch ein altes gewölbtes Tor mit dicken Mauern an den Seiten zogen wir nun in die freie Hansestadt Lübeck ein. Hier zwischen den spitzgiebeligen Häusern, in engen Seitenstraßen und in der Erinnerung, die ein historisches Gewand über das Ganze wirft, glaubt man sich um Jahrhunderte in der Zeit zurückversetzt. Diese kantigen Gebäude, diese steinernen Helden auf dem Rathaus und die gemalten Bilder an den Glasfenstern der alten Kirche, an der wir vorüberkamen, sahen auch so aus, als Jürgen Wullenwever hier ein kräftiges Wort mitzureden hatte.

Ich war in der Marienkirche und habe das berühmte astronomische Uhrwerk und den noch berühmteren Gemälde-Zyklus, den man den „Totentanz“ nennt, gesehen. Jeden Stand, jedes Alter, vom Papst bis zum Kind in der Wiege sieht man hier zum Kotillon des Todes eingeladen. Mir kam es vor, als hätte der Maler in das Gesicht des tanzenden Gerippes ein ironisches Lächeln gelegt, das mir und der ganzen Gesellschaft, die hier umherging und ihre Bemerkungen darüber macht, recht zu sagen schien: „Da glaubt ihr nun, daß ihr stillesteht oder höchstens in der Marienkirche umherspaziert und die alten Bilder betrachtet. Euch hat der Tod noch nicht zum Tanz geholt, und doch tanzt ihr schon allesamt mit mir! In der Wiege beginnt der große Tanz. Jeder hat seine eigenen Touren, und der eine hält den Tanz länger aus als der andere. Aber die Lichter verlöschen zur Morgenstunde, und dann sinkt ihr alle müde in meine Arme - das nennt man sterben...“

Ich verließ die Marienkirche und ging hinaus in die große Kirche Gottes, die doch von anderem Alter und anderer Größe ist - das ist ein Gewölbe! Es predigt noch, wenn alles andere verstummt. Die Häuser zu beiden Seiten der Straße kamen mir wie Stuhlreihen vor...

In Gesellschaft von einem Dänen und zwei Norwegern verließ ich am Abend das alte Lübeck. Die Sonne ging prachtvoll unter, und der grüne Wald duftete, daß es eine Lust war! Wieviel Poesie kann doch in so einem stillen Abend liegen!