Gustav Hillard (1881 - 1972)
... eine Stadt - nur sich selber gleich.
Hillard kommt als 13jähriger zu seinen Großeltern nach Lübeck. Nach vierjähriger Arbeit als Dramaturg und Direktionsstellvertreter bei Max Reinhardt in Berlin verlegt er das Schwergewicht auf seine schriftstellerische Arbeit. Es entstehen Erzählungen, Romane Essays und Erinnerungen.
Aus der Ferne steigt Lübecks Silhouette mit einem großartigen Akkord empor. Aus einer in Luftfeuchte und Dunst undeutlichen Häusermasse erheben sich sieben Türme und werfen ihre schlanken spitzen Helme in die Nebel- und Wolkenspiele eines nordischen Himmels.
Das Wasser gab der Stadt Umriß und Grenze, das Meer gab ihr die Verlockung über sich selbst hinaus.
Die Altstadt Lübeck liegt auf einer ovalen Insel, einst durch eine schmale Landzunge im Norden mit dem Festland verbunden, welches heute der Elbe-Trave-Kanal durchschnitten hat. Aus der natürlichen Lage entwickelt sich die organische Gestaltung der Stadtlandschaft mit schöner Folgenstrenge. Die Insel schwillt in ihrer Mitte zu einem flachen Hügel an.
Die hochmittelalterliche Stadt der Hansezeit in ihrer über-wältigenden stilistischen Einheit und Geschlossenheit muß ihren Bewohnern ein stolzes Selbstbewußtsein, ein überlegenes Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit gegeben haben.
Das Holstentor liegt muskulös, ernst und gespannt zwischen den aufgeschütteten Straßen wie auf einer tieferen Insel, an der rechts und links der Strom des Lebens vorüberfließt. Vielleicht ist es gerade sein der Gegenwart und dem Tag entrücktes Dasein, das dieses Tor zum volkstümlichen Wahrzeichen der Stadt hat werden lassen. Seine singuläre Existenz erinnert daran, daß es die Traditionsinseln sind, durch deren Eigenheit und Ausstrahlung Lübeck eine Stadt sui generis ist, eine Stadt - nur sich selber gleich.