Giorgio Manganelli (geboren 1921)
„Lübeck ist eine seltsame Stadt.“
Der italienische Schriftsteller und Kritiker berichtet in „Reise in eine verborgene Region: Schleswig-Holstein“ über seine Lübeck-Eindrücke.
Der Reisende, der das wohlhabende und weltstädtische Hamburg verläßt, um sich auf den Weg in das ernste Lübeck zu machen, fährt durch eine weite, dünn besiedelte, sanft gewellte Landschaft von ausgedehnten Weideflächen mit überaus geduldigen Kühen und kalligraphischen, sehr malerischen Wäldern, schwankend zwischen klassisch und romantisch, nicht selten in der züchtigen und unfreundlich düsteren Weise eines Caspar David Friedrich.
Man erreicht Lübeck über den mit einer Apotheke ausgestatteten Lindenplatz, überquert eine kleine Brücke mit allegorischen Statuen, launig und einfallsreich, und gerade hat man sich eine Vorstellung gebildet von Lübeck als einer geistreichen Stadt, da steht man vor dem Holstentor, einem Tor mit zwei Türmen, das außer in Lübeck auch auf den deutschen 50-DM-Scheinen aufragt. In Wirklichkeit ragt es nicht auf: die beiden Türme sind die ziegelroten Beine eines unsichtbaren Riesen; oder es sind zwei nibelungenhafte Zwerge mit zwei Zuckerhüten auf dem Kopf, halb Banditen, halb Märchenfiguren, vielleicht sogar mit einer Reminiszenz an teutonische Ritter, wie man sie in Filmen sieht. Das Holstentor ist ein Meisterwerk des späten fünfzehnten Jahrhunderts und hat in Lübeck die gleiche Funktion wie in Mailand der Dom.