Garlieb Merkel (1769 bis 1850)
„...ebenso unverderbt, als zwanglos...“
Merkel, Journalist, Schriftsteller und Redakteur verschiedener Zeitschriften seiner Zeit, ist Sekretär des dänischen Finanz- und Außenministers Graf Schimmelmann. Nach seiner Sekretärszeit besucht er im Winter 1798/99 Hamburg und Lübeck.
Ich machte heute frühe schon meinen ersten Spatziergang durch die Stadt. Sie gewährt eine viel heitere, angenehmere Ansicht, als Hamburg. Weil ihre Häuser niedriger sind, scheinen die Gassen breiter; gerader und luftiger sind sie aber wirklich.
Lübeck ist auf dem Gipfel und dem Abhange eines Hügels gebaut. Die abschüssigen Straßen heißen Gruben; sie enthalten zum Theil die zierlichsten Gebäude, wiewohl diese ein sehr gothisches Ansehen haben. Die meisten richten ihre schmalen Giebel nach der Straße zu, haben ungeheure Fluren, die durch zwei Stockwerke gehen und oben mit Gallerien eingefaßt sind, von denen man in die Zimmer gelangt. Dafür sind sie fast durchgängig mit Gärten oder doch mit großen Höfen versehen, welche, wie die Fluren, zu Waarenlagern dienen. Die Trave und die Wacknitz umschließen den Stadthügel, und würden ihn völlig zur Insel machen, wenn sie nicht vor dem einen Thore ein hoher Damm trennte, auf dessen einer Seite die Wacknitz viele Fuß höher hineinfließt als die Trave auf der andern; indeß dient jene nur für flache Fahrzeuge, und auf dieser kommen ziemlich große Schiffe bis in die Stadt.
Aber die Frauen? Fragen sie mich, und spotten darüber, daß ich es so lange aufschieben konnte, ihrer zu erwähnen. Ich versichre Sie, es geschah nicht, weil ich nichts oder doch nicht viel Vortheilhaftes von ihnen zu sagen wußte, sondern grade im Gegentheil, weil ich fürchten mußte, mit zu vieler Wärme von ihnen zu sprechen. In der That habe ich fast nirgend so viel reizende, liebenswürdige Weiber und Mädchen gesehen. Die Lübekischen Schönen haben im Allgemeinen blonden Teint und blondes Haar, blaue Augen, einen vollen, üppigen Körperbau, kurz, die Vorzüge der nordischen Weiber. Die Mädchen aus dem Volke sind hochgewachsen, derb und keck in Gang und Sprache, und ihr knapper Anzug, so wie ihr eigenthümlicher Kopfputz, die bekannte Tellermütze, geben ihnen, was man hier ein dralles Ansehn nennt. Die Lübekerinnen sind sehr lebhaft, aber ihre Sitten scheinen mir ebenso unverderbt, als zwanglos.