Ernst Willkomm (1810 bis 1886)
Der Verfasser der erfolgreichen Romans
„Die Europamüden“ veröffentlichte einen Band „Wanderungen an der Nord- und Ostsee“.
Aus weiter Ferne schon kündigt sich Lübeck an durch seine hohen pyramidisch gebauten Thurmkolosse, die weit hineinblicken in das holsteinische und lauenburgische Land. An diesen imposanten Ziegelbauten erkennt man, noch ehe die Stadt sichtbar wird, daß man sich einem Orte von großer Bedeutung nähert, einem Orte, der lange Zeit nicht eine der wichtigsten, sondern unbedingt die allerwichtigste Rolle in deutscher Geschichte spielte.
Lübeck ist an interessanten, sehenswerten Bauwerken vielleicht reicher wie irgend eine andere Stadt Norddeutschlands. Der Fremde kann daher nichts besseres thun, als bei sonnigen Tagen straßauf, straßab zu gehen, wie es ihm eben einfällt. Dieses Herumstreifen wird seinem Auge Beschäftigung und vielfachen Genuß bereiten. Ausgezeichnet als Bauwerke, imposant durch ihren Umfang und majestätisch durch die kolossalen Backsteinpyramiden ihrer hohen Thürme sind die Kirchen Lübecks. Die Stadt besitzt deren 5 lutherische, den Dom, die Marien-, Jacobi-, Petri- und Aegidienkirche, außerdem eine reformierte und katholische Kirche, beide ohne Thürme und zwei Begräbnißkirchen vor den Thoren.
Eine der größten und sehenswertesten Kirchen nicht bloß Lübecks, sondern Deutschlands ist die Marienkirche. Auf dem höchsten Punkte, des oblongen Hügelrückens erbaut, welche die Häusermassen der alten Stadt trägt, überragt sie alle andern Gebäude um ein Beträchtliches. Ihre beiden Thürme, 431 lübische Fuß hoch, sind zu massenhaft, um schön genannt zu werden, und stehen gleich jenen des älteren Domes schief, was ihnen von manchen Seiten ein bedenkliches Ansehen giebt.