Ida Boy-Ed (1865 - 1928)

Schriftstellerin

Ida Boy Ed

Ida Boy Ed

Ida Boy-Ed kommt 1865 im Alter von 13 Jahren von Bergedorf nach Lübeck, wohin ihr Vater den Sitz seines erfolgreichen Zeitungsunternehmens verlegt hat. In der Großen Petersgrube – dort wo heute die Lübecker Musikhochschule ihren Sitz hat – befinden sich sowohl Verlags – als auch Wohnhaus der Familie. Hier verbringt die junge Ida eine geschäftige und geistig anregende Jugend in einer literarisch geprägten Atmosphäre. Von ihrem Vater wird sie in ihren ersten literarischen Versuchen gefördert, der Verleger schreibt selbst Romane und Novellen.

Mit nur 18 Jahren heiratet sie Carolus Boy, den Nachkommen einer alten Lübecker Kaufmannsfamilie, die nach gänzlich anderen, ihr völlig fremden Maßstäben lebt. Sie empfindet das überpräsente Vorbild ihrer Schwiegereltern, das von Nützlichkeitserwägungen bestimmt ist, als geistig sehr einengend. In schneller Zeit bringt Ida vier Kinder zur Welt. Sie muß einsehen, daß ihre Ehe mit dem schwächlichen und neben ihr recht farblosen Ehemann, die sie doch aus Liebe eingegangen war, ein Fehler war. Sie erkennt einen großen Widerspruch zwischen ihren individuellen Glücksvorstellungen und der Rolle als aufopferungsbereite Ehefrau, Hausfrau und Mutter, die ihr von der Gesellschaft auferlegt ist. Schließlich entdeckt sie das ihr von ihren Schwiegereltern untersagte Schreiben als Ausdrucksform wieder, und nach zahlreichen von ihr selbst vernichteten Aufzeichnungen wird einer ihrer Romane in der „Frankfurter Zeitung“ veröffentlicht, und Ida Boy-Ed weiß, daß ihr das Schreiben ein unabhängiges Leben ermöglichen kann.

Sie verläßt 1878 ihre Familie und geht mit ihrem jüngsten Sohn nach Berlin. Auch ihre eigene Familie bringt kein Verständnis auf für diesen in jener Zeit geradezu skandalösen Befreiungsschlag einer verheirateten Frau aus bürgerlichen Kreisen. Ida Boy-Eds Flucht nach Berlin ist Stadtgespräch. In Berlin findet sie schnell Anschluß an literarische Kreise und fühlt sich – ganz im Gegensatz zu ihrer Lübecker Zeit – mit Wohlwollen aufgenommen und akzeptiert. Die Familie ihres Mannes erzwingt die Rückgabe des Sohnes und ihr Versprechen, nach einem Jahr nach Lübeck zurückzukehren, ein Unterfangen, das sie als sehr demütigend empfunden haben muß. Dennoch kommt sie als verwandelte Frau nach Lübeck zurück.

Ida Boy-Ed will – und hier ist sie ihrer Umwelt verbundener als es auf den ersten Blick scheinen mag – den Beweis antreten, daß Schreiben auch eine gewinnbringende Tätigkeit sein kann. Von 1883 bis 1926 schreibt sie 50 Romane, von denen allein 15 in dem Journal „Gartenlaube“ abgedruckt werden und die ihr ansehnliche Honorare einbringen. Doch das Leben hält weitere Herausforderungen für sie bereit. Die Familie ihre Mannes geht bankrott. Die marode Firma hatte auch ihr väterliches Erbe, zu dem sie als Ehefrau keinen Zugang gehabt hatte, durchgebracht. Sie muß nun plötzlich für den ganzen Unterhalt der Familie sorgen, versucht sich in der Zeitung ihres Vaters, die sie dann aber wegen unzureichender kaufmännischer Kenntnisse verkauft. Nun gilt es erst recht, mit Schreiben Geld zu verdienen. Mit „Ein königlicher Kaufmann. Hanseatischer Roman“ erlangt sie einen großen Publikumserfolg.

In allen ihren Romanen spielt sie die Situation der Frau und ihrer Rolle in der bürgerlichen Gesellschaft in den unterschiedlichsten Facetten durch und versucht, Wege der Befreiung aufzuzeigen, ohne umstürzlerische Ideen zu entwickeln.

Erst als Ida Boy-Ed älter wird, beginnt Lübeck, unter veränderten gesellschaftlichen Vorzeichen, seine Schriftstellerin zu entdecken und zu würdigen. Sie bezieht 1912 eine Ehrenwohnung im Burgtor. Ablehnen mag sie diese offizielle Würdigung ihrer Person nicht, auch wenn sie sich lange mit dem Gedanken getragen hat, in das liberalere und kunstfreudigere München zu gehen.

In Lübeck besucht auch Thomas Mann sie wiederholt. Seit seiner Gymnasiastenzeit stand er in verehrendem Kontakt mit seiner „mütterlichen Freundin“, die ihm, als er später seine Heimatstadt verlassen hat, ein Anker in Lübeck werden soll. Sie informierte ihn, wie denn sein Lübeck-Roman „Buddenbrooks“ in der Heimatstadt aufgenommen wird, und sie ist lange die einzige, die den Roman in Lübeck öffentlich zu loben wagt.

Thomas Mann charakterisiert sein Verhältnis zu Ida Boy-Ed so: „Ich war innerlich fest auf ihrer Seite – gegen Lübeck, das kleinbürgerliche Lübeck von vormals, in dem man es, ausgenommen zwei drei Leute, die wußten, was Literatur ist, höchst wunderlich und verdächtig, wenn nicht geradezu „gediegen“ fand, zu „schreiben“.“